Die etwas andere Heldenreise

Foto: Jeanne Surmont
Foto: Jeanne Surmont

So manche eigene Heldenreise ist ja wirklich spektakulär, unvergesslich und erfüllt uns nicht selten mit Stolz und Erhabenheit, wenn wir die schwierigen Herausforderungen gemeistert haben oder zumindest mal glimpflich davon gekommen sind. Doch hier möchte ich auf eine andere Heldenreise aufmerksam machen, die für mich recht unspektakulär begann und doch eine immense Auswirkung auf meine bewusste Wahrnehmung hatte. Vielleicht kann ich damit jemanden ermutigen, doch auch mal für sich genauer zu schauen, um aus einem unbewussten Teil aufzuwachen.  

 

Vor etwa zwei Wochen war ich auf einem Workshop von Teal Swan in München. Für diejenigen, die Teal Swan nicht kennen, so kann ich aus meiner Sicht sagen, dass sie eine der großartigsten Lehrer ist, die mein Leben und meine Arbeit um so unendlich viele Sichtweisen und Einsichten bereichert hat, wie ich es mir vor unserer ersten Begegnung vor zweieinhalb Jahren kaum hätte vorstellen können. 

 

Nun, nachdem wir im Verlauf der Tage schon einige Übungen absolviert hatten, stellte Teal uns die Frage, wer in unserem Leben eine wichtige Heldenfigur oder großes Vorbild war oder immer noch ist. In mir tauchte sofort die Heldin meiner Kindheit auf: Pippi Langstrumpf. Ich hab das Buch von Astrid Lindgren geliebt, sogar damit den zweiten Platz eines Lesewettbewerb belegt. Für den ersten Platz war das Buch der Jury nicht anspruchsvoll genug oder so ähnlich...

 

Wenn wir uns erinnern, fangen wir meist mit Begeisterung an, an unseren Helden oder Heldin zu denken. Die vielen Abenteuer, die wir erlebt haben, bis wir schließlich dachten die Heldenfigur selbst zu sein und uns mit den heroischen Charakterzügen identifizierten. 

 

Pippi Langstrumpf war also meine Heldin: unabhängig, immer gut drauf, für alles eine Lösung, sicher, alles zu schaffen, kommt schon als Kind gut ohne Eltern zurecht, selbstständig und macht eben, was ihr gefällt.

 

Zum ersten Mal merke ich, dass genau diese Wesensmerkmale in meinem Leben eine wichtige Rolle spielen und ich sie in mein Erwachsenenleben unbewusst weitergetragen habe. Sie geben mir Sicherheit, Halt und Selbstvertrauen. Mit 15 habe ich bereits mein ersten Geld verdient, seitdem immer Geld verdient und war von niemandem finanziell mehr abhängig. Auch nicht so sehr von der Meinung meiner Eltern. Ich konnte also so ziemlich machen, was ich wollte, etc. etc. 

 

Soweit so gut. Die nächste Frage ging der Sache etwas weiter auf den Grund: Was führte im Leben dazu, dass ich mich genau mit dieser Figur identifiziert habe? Manche traurigen Bilder meiner Kindheit tauchen auf. Ja, unsere Helden helfen uns einen Weg zu finden, das Unerträgliche auszuhalten und zu überleben. Sie entführen uns in ihre Welt, die sich umso vieles besser anfühlt als die eigene Realität. Keine einzige Fernsehfolge hätte ich mit meiner Heldin verpassen wollen. Sie hat mich getragen, mein Leben lang. Sie war wichtig, sie hat mir gut getan, sie war für mich da. 

 

Doch jetzt erinnere ich mich wieder, dass mein erster langjähriger Partner, den ich fast geheiratet hätte, mir einmal vorwarf, wie unabhängig ich doch sei und wie schrecklich er sich manchmal damit fühlte. Ich konnte das nicht verstehen, habe eher gedacht, dass er doch froh sein sollte. Vor ein paar Monaten sagte mir jemand, dass ich doch schon ziemlich 'selbstverwirklicht' sei, was auch immer das sein soll. Zu einer anderen Gelegenheit sagte ein Mann auf einer Party zu mir, dass die Vorstellung mit mir zusammen zu sein wohl mit einer Himalaya-Expedition vergleichbar wäre und deswegen für mich nur wenige in Frage kämen. Irgendwie waren diese Aussagen nicht nur schmeichelhaft, sondern taten auch verdammt weh.

 

Was ist das aber, was da so wehtut? Was ist der Preis, den ich zahle, wenn ich mit meiner Heldin identifiziert bleibe? Ein dicker Schmerz bricht auf. Ich kann kaum an mich halten und die Tränen rollen über mein Gesicht. Niemand ist da, der sich um mich kümmert. Ich bin alleine, wenn es mir schlecht geht. Alle denken ja schließlich, dass es mir gut gehen müsse, ich alleine zurecht komme und doch niemals Hilfe bräuchte. Keiner hält etwas anderes für möglich. Meine beste und längste Freundin hat dies einmal gesehen, als ich nicht mehr konnte zusammen gebrochen bin. Sie hatte den Ernst der Lage erkannt und mich zum Arzt gebracht. Es scheint aber, dass es da schon recht dicke kommen müsse. Gebe ich den Menschen in meinem Leben nicht die Chance für mich da zu sein? Ich gebe zu, das fällt mir wahnsinnig schwer. Furchtbar. Was tun?

 

Nun erstmal natürlich den dicken Schmerz fühlen und nicht wieder zupflastern. Die nun bewusst werdende Seite mit all den schmerzhaften Konsequenzen sichtbar werden lassen und das Herz dafür öffnen. Es braucht ziemlich viel Mitgefühl und den Teil nicht im Stich lassen, der sich so fühlt. Jetzt kann ich sogar all die positiven Gefühle integrieren, die mit meiner Heldin verbunden sind, statt unbewusst damit identifiziert zu bleiben. Es geht ja schließlich um Gefühle und keine Tatsachen. Alle Gefühle, sowohl die positiven, negativen als auch die schmerzhaften bekommen nun seinen Platz in mir und dürfen da sein. Was für eine Erleichterung! Ja, es ist völlig in Ordnung mich auch mal unabhängig zu fühlen. Doch jeden Tag wird mir nun bewusst, wie sehr ich auch andere brauche, für mich da zu sein, gerade wenn ich mich einsam und verlassen fühle. Mir wird klar, dass sogar ganz viele Menschen in meinem Leben für mich da sind, sogar Menschen, die ich gar nicht kenne und jeden Tag etwas für mich tun. Das fängt schon damit an, dass ich morgens nur den Wasserhahn aufdrehen muss, um frisches Wasser für meine Dusche zu haben. Es sind andere, die dies ermöglichen. Mein Brot backt der Bäcker. Meinen Tee oder Kaffee hat jemand angebaut und gepflückt. Meine Post bringt der Postbote. Das Haus, in dem ich wohne, hat jemand gebaut... Ganz neue Gefühle tauchen da in mir auf, wollen gesehen, gewürdigt und einen Platz in mir erhalten. Jetzt spüre ich auch, wie wichtig es für mich sein wird, den Menschen in meinem Umfeld auch mitzuteilen, wie wichtig sie mir sind und wie sehr ich sie auch mal brauche. Was gibt es den Schöneres und Verbindenderes, wenn wir daran erinnert werden und dies geschieht? 

 

Ein paar Tage später merke ich, dass es nun Zeit ist meine Heldin los zu lassen. Es tauchen sogar noch andere Helden und Heldinnen auf, die entlassen werden wollen. Es geschieht und macht frei. Ein neuer Raum öffnet sich in mir. Ich weiß noch nicht, was daraus erwachsen wird, doch das ist im Moment gar nicht wichtig und vielleicht eine andere Geschichte. 


Zur Person: Jeanne Surmont ist heilkundliche Psychotherapeutin, Traumatherapeutin und Kunsttherapeutin. Ihr Spezialgebiet ist emotionale Bewusstseinsarbeit und Integrationsarbeit zur Heilung eigener und transgenerativer traumatischer Erfahrungen vor allem mit dem Completion Process nach Teal Swan und der körperzentrierten Herzensarbeit nach Safi Nidiaye. In beiden Methoden ist sie ausgebildet. Sie arbeitet in München in eigener Praxis und online mit Menschen weltweit auf Deutsch, English und Französisch.