Mehr von den Ahnen als wir ahnen

Wir haben mehr von unseren Ahnen als wir ahnen. Nicht nur die guten Dinge, die offenherzig in der Familie diskutiert werden, sondern auch viel Schmerz, Hass und Gewalt, über die sich gerne der Mantel des Schweigens legt. Die dunkle Seite bleibt verborgen und schlängelt sich wie ein geheimer unterirdischer Fluss weiter von einer Generation in die nächste.

Wenn wir Glück haben, kommt dieser dunkle Fluss eines Tages erkennbar an die Oberfläche. Es sind oft unerklärliche Körpersymptome oder emotionale Überwältigungen, für die es im eigenen Leben nur unzureichende Erklärungen gibt. Wenn wir an dieser Stelle nicht stehen bleiben, sondern tiefer gehen, bekommen wir eine Ahnung davon, dass es vielleicht mit den Ahnen zu tun hat. Alleine, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen, kann die Psyche in eine starke Bewegung versetzen, um letztendlich einen Aspekt der Seele zu heilen und zu integrieren. 

Seit Wochen bin ich nun selbst damit beschäftigt. Die weibliche Linie meiner Mutterlinie taucht immer wieder auf. Alleinkämpferinnen, die aus Familienverbänden und dem 'Zuhause' immer wieder ausgeschlossen wurden, weil sie starren gesellschaftlichen Strukturen ausgeliefert waren und ihre Meinung nichts zählte. Der Preis ist hoch: Ausschluss, Entwurzelung, keine echte Unterstützung und Schutz vor allem von männlicher Seite, keinen Zugang zum materiellen Erbe, kein Zuhause-Gefühl. Ich muss mich schon wundern, warum meine Familie ein großes Ahnenhaus besitzt, doch keine der Frauen sich zumindest als Teilhaberin des Ahnenhauses ausgeben kann. Jahrelang habe ich das nicht gesehen und einfach nur so hingenommen. Doch jetzt wird das Ausmaß und die Ursachen immer deutlicher. Das ist gut so. Denn wenn wir die Dinge an ihrer Wurzel endlich erkennen und bereit sind, den dort sitzenden Schmerz zu fühlen, wissen wir auch, was wir in unserem Leben auch nicht mehr hinnehmen möchten und wonach wir uns zutiefst sehnen: vielleicht nach einem Zuhause oder einer Partnerschaft, in der wir uns willkommen, geschützt und geborgen fühlen. Vielleicht sehnen wir uns danach, ernst genommen und für unsere Arbeit anerkannt und gleichberechtigt entlohnt zu werden. Vergessen wir nicht: Es ist der GEFÜHLTE Schmerz, der uns aus dem Trauma der Vergangenheit erlöst, und es ist die damit verbundene SEHNSUCHT, die Motor für Wachstum, Erweiterung und für den nächsten Schritt ist! 

Ich glaube es lohnt sich für jeden von uns, mal in die dunkle Familiengeschichte zu schauen und zu erkennen, was davon durch uns hindurchfließt und danach sucht, endlich im Licht der Bewusstheit erkannt und im Herzen angenommen zu werden. Dann wird auch die Sehnsucht auftauchen. Ganz sicher. 

 

Zur Person: Jeanne Surmont ist heilkundliche Psychotherapeutin, Traumatherapeutin und Kunsttherapeutin. Ihr Spezialgebiet ist emotionale Bewusstseinsarbeit und Integrationsarbeit zur Heilung eigener und transgenerativer traumatischer Erfahrungen. Sie arbeitet in München in eigener Praxis und online mit Menschen weltweit auf Deutsch, English und Französisch.